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Dekadenz und Wahnsinn

Jens Jens, 2016-03-30 11:04:36

Ein kurzer Abriss der Moralgeschichte der Jugendmusik unter besonderer Berücksichtigung des Jazz und die Denkwürdigkeiten des Dr. Klaus Miehling

Die Jugend ist schlecht! Das wissen wir spätestens seit dem ein Keilschrifttafelschreiber aus Ur vor ca. 4.000 Jahren festgestellt hat: „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben. Sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie Jugend vorher und es wird ihr niemals gelingen unsere Werte zu erhalten.“ [1]

Das Einzige, das noch schlimmer ist als die Jugend, ist ihre Musik, die wahlweise Ausdruck oder Ursache dieser Verkommenheit ist. Ob es sich dabei um die unpolitisch stupiden Rhythmen elektronischer Musik oder dem nihilistischen „No Future“ des Punks handelt, ist einerlei.

Verbrecherischer Hip Hop, satanischer Heavy Metal, drogenverherrlichender Psychedlic Rock, das sexualisierende monotone „Yeah Yeah Yeah“ der Beatmusik und der obzöne Huftschwung des Rock'n'Rolls – nie war und ist der Untergang des Abendlandes und der Kultur näher, als wenn die Musik der Jugend ertönt.

„syncopation gone mad“

Eines der wichtigsten Elemente von kulturzersetzender Jugendmusik ist wahrscheinlich die starke Rhythmisierung. Kurz vor der Jahrhundertwende in den 1890ern kam in der us-amerikanischen Jugend ein „dance craze“ zu einer neuen Art von Musik auf – der Ragtime. Das neue Unerhörte an dieser Musik war die Synkopierung. Die Betonungen der Noten wurden nicht wie althergebracht auf die betonten Zählzeiten im Takt – 1 und 3 – gesetzt, sondern auf bisher unbetonte Zählzeiten verschoben. Und es wurde sogar zwischen den Zählzeiten betonte Töne gespielt.

Die Folgen blieben nicht aus. Ärzte warnte davor, dass solch exzessiv synkopierten Rhythmen zu Geisteskrankheiten führen könnten. Wie die Jugend jedoch ist, wurden solche Warnungen in den Wind geschlagen und junge Leute fingen an zu dieser Musik ihre Hacken wie wild in die Luft zu werfen. Schockierte Eltern und Zeitungskolumnisten sahen darin natürlich „the product of our decadent art culture“. [2]

"Zu meiner Zeit hat man sowas im Bett gemacht" [3]

Dann entwickelte sich der Jazz. Jene Musikrichtung, die die Verderbtheit schon im Namen trägt. Entstanden im Rotlichtviertel von New Orleans, und vielleicht benannt nach dem Jasminparfüm der Prostituierten. So war Jass (so die ursprüngliche Schreibweise) von Anfang ein Synonym für den Geschlechtsakt. So wurde 1924 darauf hingewiesen: "Wäre die Wahrheit über die Herkunft des Wortes 'Jazz' bekannt, würde es keinesfalls in der feinen Gesellschaft erwähnt werden." [4]

Ist es da ein Wunder, dass Maxim Gorki bei einer solchen Musik von sexuell Verrückten und Zentauren mit riesigen Phallus phantasiert: „The insulting chaos of insanity pulses to a throbbing rhythm. Listening to this screaming music for a few minutes , one involuntarily imagines an orchestra of sexual maniacs led by a man-stallion beating time with an enormous phallus.“ [4]

Auch hier war es wieder die Jugend, die der Verlockung der Anzüglichkeiten dieser Musik erlag. Begeistert wurde getanzt, Körper durch die Luft gewirbelt und mit den Becken zu den Verrücktheiten der Musik gekreist.

„Gewaltmusik“

Wie sieht es jedoch heutzutage aus? Der Jazz und das Swing tanzen erleben ein Comeback. Immer mehr Menschen geben sich den unsittlichen, gefährlichen Rhythmen hin. Da erscheint es tröstlich, dass es immer noch einen großen Mahner gibt, der unaufhaltsam auf die Gefahren hinweist: Dr. Klaus Miehling.

Dr. Klaus Miehling ist nicht nur ausgebildeter Cembalospieler und Komponist, sondern als Musikwissenschaftler auch Autor der Bücher "Das Tempo in der Musik von Barock und Vorklassik" (Wilhelmshaven 1993, 3. überarb. Aufl. 2003), "Handbuch der frühneuenglischen Aussprache für Musiker" (Hildesheim 2002) und "Gewaltmusik - Musikgewalt" (Würzburg 2006 - kompakt und aktualisiert als "Gewaltmusik"), "Populäre Musik und Werteverfall" sowie "Lautsprecher aus! Zwangsbeschallung contra akustische Selbstbestimmung", (Berlin 2010) sowie zahlreicher Aufsätze vor allem zu aufführungspraktischen Themen.“ [5]

Neben der Musik des Barock und der Vorklassik ist sein Lieblingsthema die von ihm sogenannte Gewaltmusik. Als Gewaltmusik bezeichnet Dr. Klaus Miehling jede Musik, die „von Parametern bestimmt wird, die Gewalt akustisch symbolisieren und ausdrücken. Das sind vor allem:

- Überbetonung des Rhythmus (durchgehendes Schlagzeug bzw. Schlagzeugcomputer)

- verzerrte, ins geräuschhafte gleitende Klänge (meist elektronisch, aber auch auf natürlichem Wege erzeugt)

- unsaubere Intonation, „Verschleifen” von Tonhöhen

- Übermaß an synkopierten Rhythmen und gegen den Takt gesetzten Betonungen („off-beat”)

- aggressiver Gesang [...]“. [6]

So fällt auch der Jazz unter den Begriff der Gewaltmusik. Insbesondere die für den Jazz charakteristische Improvisation ist nach Miehling hochgradig bedenklich. Zwar habe es „Improvisation […] in der Musik freilich schon immer gegeben, aber der typische Jazzstil weist mit seiner Verwirrtheit, den wenigen Regeln und der unsauberen, verzerrten Tongebung in der Tat eine Affinität zu geisteskranken Zuständen auf.“ [7]

Ein solch salopper Umgang mit Tönen in der Musik kann natürlich nicht ohne Auswirkungen auf die Hörer bleiben und „[s]omit dürfte es vor allem die hedonistische Ideologie sein, die in den Hörern von Jazz wie auch anderer Unterhaltungsmusik ein Weltbild verankert, in welchem es vor allem auf „Spaß haben” ankommt, in welchem moralische Werte wie Ehrlichkeit, Pflicht und Verantwortung keinerlei Rolle spielen, in welchem der Konsum legaler und illegaler Drogen sowie sexuelle Befriedigung wichtiger sind als Leistungen in Schule und Beruf.“

Jedoch ist nicht nur die Moral gefährdet. Auch Recht und Ordnung werden von der Gewaltmusik des Jazz mit Füßen getreten, denn „[w]ie die meisten populären Musikstile steht auch der Jazz in einer eklatanten Verbindung mit Kriminalität; zahlreiche prominente Jazzmusiker waren Kriminelle“.

Warum ist uns dies alles noch nicht aufgefallen? Warum muß erst ein Dr. Klaus Mehling daher kommen und es uns erklären? Hier hat unser einsamer Kämpfer für das Gute ebenfalls eine einleuchtende Erklärung parat: „Freilich kommt in den wenigsten Fällen die Verbindung mit dem Musikkonsum ans Licht; bei „leichteren” Straftaten wie Schwarzfahren oder Ladendiebstahl, die unter heutigen Jugendlichen schon zur „Normalität” geworden sind, schon gar nicht.“

Am Ende seines augenöffnenden Meisterwerks "Was Sie über Jazz wissen sollten" gibt Dr. Klaus Miehling uns eine letzte Warnung mit auf den Weg:

„Die Annahme erscheint plausibel, daß auch Jazz eine solche negative Wirkung haben kann; und sei es nur als „Einstiegsdroge” zu härterer U-Musik. Die regelmäßige Beschäftigung mit solcher Musik hinterläßt zwangsläufig Spuren, die um so folgenreicher sind, je häufiger, je länger und je lauter diese Musik gehört wird.“

Also passt auf euch auf,
euer Machinegun Kalle


[1] zitiert nach Paul Watzlawick, Wenn die Lösung das Problem ist, http://youtu.be/M7aMmiMrYmU?t=3m54s

Eine andere Übersetzung lautet: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“, http://de.wikipedia.org/?title=Liste_gefl%C3%BCgelter_Worte/J#Jugend_von_heute

[2] Julia Rolf, Jazz – The Complete Story, Flame Tree Publishing 2007

[3] Clara Zetkin, zitiert in Jörg Ueberall, Swing Kids, Archiv der Jugendkulturen 2004

[4] Zitat und weitere Theorien zur Etymologie des Wortes Jazz, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Jazz#Etymologie

[4] Maxim Gorki, The Music of the Gross, 1928, zitiert nach http://ml.islandnet.com/pipermail/dixielandjazz/2009-January/057274.html

[5] http://klausmiehling.npage.de/biographie.html

[6] Klaus Miehling, Macht populäre Musik kriminell?, http://file1.npage.de/000022/12/download/miehling_-_macht_populaere_musik_kriminell.pdf

[7] dieses und alle weiteren Zitate aus Dr. Klaus Miehling, Was Sie über Jazz wissen sollten, http://klausmiehling.npage.de/aufsaetze-noten-und-klangdateien.html